Der Podcast-Markt im Fokus

1. Juli 2020 |

Die Spotify-Strategie: alles aufkaufen

Was der Joe Rogan-Deal für die Branche bedeutet

Joe Rogan, dessen vor allem in der Video-Ausgabe von YouTube bekannter Podcast dort fast neun Millionen Abonnent*innen hat, wechselt zu Spotify. Seit Mitte Mai ist der Deal bekannt, der mit 2021 verbindlich wird und Rogan kolportierte 100 Millionen US-Dollar bringen soll.

Das sind richtig relevante News für die internationale Medienbranche, denn Rogan ist nicht nur eine große Nummer mit seinem Podcast: Er ist echt BIG. In sein Studio kommen nicht nur die Stars jeder Kategorie, wie etwa Elon Musk oder Metallicas James Hetfield. Zu ihm WOLLEN sie wirklich kommen. Bis hinauf zu Präsidentschaftskandidaten, denen eine Interviewabsage oder auch eine abwertende Aussage Rogans durchaus Kopfzerbrechen bereitet.

Gimlet, Parcast, Ringer, Anchor – und nun Joe Rogan

Richtig BIG will nun offenbar auch Spotify werden. Also noch größer als ohnehin schon, mit fast 290 Millionen Usern im Frühjahr 2020. Von denen allerdings mehr als 50 Prozent ein Gratis-Abonnement nutzen. Ihnen spielt das Unternehmen in regelmäßigen Abständen Werbung ein, insgesamt lag der weltweite Umsatz über alle Geschäftsbereiche im ersten Quartal dieses Jahres bei knapp 1,85 Milliarden Dollar.

Sich einen wie Joe Rogan einzukaufen, macht Sinn, wenn man die Spotify-Strategie insgesamt anschaut: mit Gimlet Media, Parcast und The Ringer wurden bereits renommierte Podcast-Produktionsfirmen bzw. -Netzwerke erworben. Und mit Anchor.FM ein erfolgreiches Hosting-Service, auf das auch viele unserer Leser*innen mit ihren Podcasts setzen.

Dazu fehlt dann nur noch die Masse an (in erster Linie Podcast-interessierten) Usern. Und davon wird Joe Rogan wohl eine große Zahl mit zu Spotify rüber ziehen. Die einzige Zugangshürde ist es, einen Spotify-Account anzulegen. Welcher zumindest vorerst auch kostenlos bleibt. Gegenüber Werbekunden, und darum geht es mittelfristig, wird Spotify dann mit dem „Joe Rogan Experience“ wohl noch ein bisschen attraktiver werden.

Spotify-Werbung wird individueller

Was wiederum Hand in Hand geht mit dem zu Jahresbeginn kommunizierten Start für wirklich zielgerichtete, automatisch an das Userverhalten angepasste Werbeinhalte. In welcher endgültigen Form diese (auch für nicht-Exclusives) bei Spotify kommen werden, ist derweil offen. Interessierten Podcaster*innen müsste man zumindest neue AGB und einen Payout anbieten. Viele würden Spotify als Plattform aber wohl (endgültig) verlassen – mit der bitteren Gewissheit, damit auch HörerInnen zu verlieren.

Welche langfristigen Auswirkungen der Rogan-Deal auf Spotify und dessen Mitbewerber (v.a. Apple & YouTube) haben könnte, und ab wann sich das Ganze auch monetär für das schwedische Unternehmen rechnen wird: Darüber haben sich die Kolleg*innen von The Verge im beigestellten Video Gedanken gemacht. Sechseinhalb Minuten, die keine Branchen-Interessierten und Marketer*innen enttäuschen werden.

Apropos Videos: Auch damit experimentiert Spotify herum. Wer wissen möchte, wie die Implementierung aussieht, kann das direkt in der Spotify-App (Smartphone & Desktop, vorerst nicht im Browser) bei „Zane & Heath: Unfiltered“ sehen. Dies wiederum weitergedacht, könnte Joe Rogan künftig das, was sein Podcast für YouTube bedeutet, zu 100 Prozent für Spotify sein. Und damit wird das vielfach immer noch als Musikstreaming-Dienst unterbeleuchtete Unternehmen wohl endgültig BIG.

Bernhard Madlener