Der Podcast-Markt im Fokus

24. Juni 2022 |

Podcasts räumen beim Grimme Online Award ab

Podcasts scheinen laut Jurymeinung zur idealen Form zu avancieren, um aufwändige Recherche differenziert darzustellen.

Der Grimme Online Award kürt einmal pro Jahr herausragende deutschsprachige Internetangebote. Das können sowohl YouTube-Videos als auch Netz-Reportagen oder Webseiten sein. Oder eben auch Podcasts, wie die Preisverleihung am 23. Juni eindrücklich gezeigt hat. 

In der Kategorie „Information“ räumten gleich zwei Podcasts die angesehenen Auszeichnungen ab. Einerseits der Studio-Bummes-Podcast «Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen?», der in Zusammenarbeit mit dem NDR, rbb und K2H entstanden ist. Die zweite Auszeichnung dieser Kategorie ging an den NDR-Podcast «Slahi – 14 Jahre Guantánamo».

Podcastrelevanter Auszug aus dem Statement der Jury:

„Erneut wurden viele Podcasts vorgeschlagen, nominiert und prämiert. Es mag scheinen, als seien sie zur idealen Form avanciert, um aufwändige Recherchen differenziert aufzubereiten. Der Preisträger „Slahi – 14 Jahre Guantánamo“ etwa besteht aus Episoden zwischen 20 und 39 Minuten Dauer. Die Länge ergibt sich aus dem, was erzählt wird, nicht aus Sendeflächen, die im linearen Programm zur Verfügung stehen. Ins formatierte Radio-Programm passt so etwas nicht, ins Fernsehen gleich gar nicht, auch wenn Co-Host John Goetz eine 90-minütige Fernseh-Dokumentation zum Thema drehte. Handelt es sich also um eine „Zweitverwertung“? Auch solche Fragen diskutiert die Jury immer wieder. Eindeutig nein, lautet hier die Antwort. Erzählt wird anders, ausführlicher und mit mehr Raum für Ambivalenz, die vor Hintergründen wie islamistischem Terrorismus und Folter durch das „Land of the Free“ gar nicht ausgeräumt werden kann. Die beiden Moderatoren nehmen immer wieder unterschiedliche Perspektiven ein. Das gern bemühte Podcast-Prinzip dialogischer Präsentation setzen sie produktiv ein.

Was sich in Podcasts ebenfalls besonders gut ein- und umsetzen lässt: die tiefen Archive, die seit Beginn der Digitalisierung prallvoll sind, mit Onlinevideos, mit Audio-Samples und Radiosendungen. Davon zehrt der Podcast „Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen?“, der die Laufbahn des ehemaligen Radio-Fritz-Moderators nachzeichnet und dabei auch zeigt, wie sehr ältere Medien die schnelle digitale Entwicklung unterschätzten.

Widerspricht die steigende Beliebtheit von Podcasts dem Trend zu non-linearen Medien? Schließlich werden Podcasts zunehmend linear erzählt, wie schon die häufig zu hörenden „Wenn Du Folge eins noch nicht gehört hast“-Hinweise zeigen. Ein individuelles Tempo der Rezeption ist kaum möglich, es lässt sich schwer etwas überspringen (wie Jury und Nominierungskommission zu gut wissen). Sind Podcasts also eine Art Gegenbewegung zum „Scrollytelling“, das zur Auflösung der Linearität beitrug und lange für herausragende, GOA-prämierte Internetangebote stand? Auch darüber haben wir diskutiert.“

Tatjana Lukas
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